© Wolfgang Feiersinger - Ein transparenter Körper als neues Wahrzeichen von Murau.   © Wolfgang Feiersinger - Transparente Verwaltung in der BH Murau.   © Wolfgang Feiersinger - Ein gläsernes Stiegenhaus verbindet den Mursteg und den Sitzungssaal.   © Wolfgang Feiersinger - Lichtdurchflutetes Stiegenhaus   
© Wolfgang Feiersinger - Das Haupthaus in der Ostansicht.   © Wolfgang Feiersinger - Gläserne Brücken verbinden die einzelnen Gebäudeteile.   

Ein facettenreich moduliertes Gebäude

Autorin: Franziska Leeb, freie Architekturjournalistin u. a. für die Tageszeitung 'Der Standard'

Der Bauplatz für die Bezirkshauptmannschaft von Murau (Architekten Wolfgang Tschapeller/Friedrich W. Schöffauer) liegt auf einem zur Mur abfallenden Hang auf dem der Stadt gegenüberliegenden Flussufer. Seit 1995 mündet hier der von den Schweizer Architekten Meili und Peter sowie dem Tragwerksplaner Jürg Conzett geplante Mursteg als direkte Verbindung zwischen den östlichen Stadtteilen mit dem Bahnhof Murau-Stolzalpe. Auch wenn der gesamte Uferrücken heute ganz natürlich anmutet, so wird er doch zur Gänze von Aufschüttungen gebildet. Kurzum, das Bild der malerischen Landschaft ist trügerisch. Neben dem Grund selbst und dem Mursteg determiniert noch ein drittes konstruiertes Element den Bauplatz, die so genannte "Straßenhanghalbbrücke" der Bundesstraße, die an der Hangkante das Areal säumt. In diese Gegebenheiten einzugreifen, bedeutete daher im weitesten Sinn einen Umbau, sagt Architekt Tschapeller, da ja bereits ein konstruierter Untergrund vorhanden war.

Die Architekten entwickelten die Gebäudefigur anhand eines Geländemodells aus Karton, das durch vier auf den Mursteg ausgerichtete Schnitte zerteilt wurde. Aus den Spalten herausgelöstes Material wurde entlang der Grabenkanten als bauliches Volumen aufgeschichtet. Die Masse am Grundstück wird somit nur umgelagert, bleibt also konstant. Das mutet höchst theorielastig an. Besucht man aber heute das fertig gestellte Bauwerk, erstaunt sowohl die Schlüssigkeit dieser Methode als auch das durch und durch praxistaugliche Resultat. Das Raumprogramm wurde auf drei Häuser aufgeteilt, die an den Mursteg mittels einer Brücke angebunden sind. Von den sieben Geschoßen des Haupthauses liegen drei unter dem Straßenniveau entlang der Flanken des ausgehobenen Grabens. Vier Etagen erheben sich darüber in einem kubisch-kristallinen Körper. Von der Eingangsebene aus ist das gesamte Volumen des aus einem Beton-Stahlskelett konstruierten Gebäudes erfassbar, da Lift, Gänge und Stiegen an einem alle Geschoße begleitenden Luftraum anschließen. Das dient nicht nur der Orientierung im Haus, sondern ermöglicht Besuchern und Beamten auch die Verortung im größeren Zusammenhang, denn Landschaft, Stadtraum und die umgebende Geländeformation sind stets wahrnehmbar. Im Zusammenspiel der materiellen Komponenten des Gebäudes mit immateriellen Phänomenen wie Lichtreflexen oder Schattenwürfen sowie den hier agierenden Personen wird der Luftraum zu einem architektonischen Erlebnisraum voller Bewegtheit.

Die Büros sind auch zu den Gängen hin verglast, die Einsehbarkeit bleibt aber durch Jalousien individuell steuerbar. Neben den zu öffnenden Fenstern verfügt das Gebäude auch über eine kontrollierte mechanische Lüftung. Das bauphysikalische Konzept nutzt die zwei nebeneinander liegenden Klimazonen der nordorientierten Büros und des südseitig orientierten Luftraumes sowie die übereinander liegenden Temperaturzonen der unter und über Niveau liegenden Bereiche.

Die zwei kleineren Bauteile, die in einem komplexen die interne und externe Erschließung bündelnden Wegesystem an das Haupthaus angebunden sind, bergen das Forstreferat bzw. das Anlagenreferat und den Sitzungssaal. Freiterrassen erlauben den unmittelbaren Kontakt zur Umgebung und machen das als modulierte Landschaft verstandene bauliche Gefüge auch an seinen äußeren Oberflächen betretbar.

Beim Aluminium-Architektur-Preis 2002 wurde die qualitätvolle Anwendung des Baustoffes Aluminium anerkennend hervorgehoben. Die komplexe Hülle mit Knicken und Doppelknicken wurde aus einem einfachen Pfosten-Riegel-System hergestellt. Einzelne Systemdetails wurden adaptiert. Die Acrylglashaut, die einmal in orange und einmal in grün die kleinen Häuser umhüllt sowie in blauviolett einen Farbakzent am Haupthaus setzt, ist jeweils nur mittels Klebeverbindung an den Aluprofilen befestigt. Wie Architekt Tschapeller betont, war es nicht nur verblüffend, wie weit reichend die Möglichkeiten handelsüblicher Systeme sind, sondern auch wie sich die Oberfläche von Aluminium je nach Lichtsituation verändern und sogar völlig entmaterialisiert erscheinen kann.

Die BH Murau ist nicht nur als singuläres Objekt betrachtet ein starkes Stück Architektur. Es wurde damit ein Ort neu interpretiert und inhaltlich angereichert. Markante Bauten der Stadt, wie das Schloss oder die Kirche, erhielten ein zeitgenössisches Gegenüber, das in der Art, wie es vielschichtig den Hang bezwingt, durchaus Parallelen zur Struktur des alten Stadtkerns erkennen lässt.

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